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Die Hochzeit

 

Mein Samstag begann früh morgens. Der Wecker klingelte bereits um 5:30 Uhr. Merkwürdigerweise war ich so aufgeregt, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal sonderlich müde war. Zum Frühstück gab es Kakao und etwas Kuchen. Dann machte ich mich gemeinsam mit Rosy und Fáti auf den Weg zum Friseur. Dort versammelten sich ab 6:30 Uhr jede Menge Mädchen und Frauen, um geschminkt und frisiert zu werden. Ich ließ mir eine ähnliche Frisur wie zum Abiball machen, die den ganzen Tag über gut hielt. Sie überlebte sogar die Nacht beim Schlafen, da wir vor Ort in Salache genächtigt haben, wo es keine Möglichkeit gab, sich abends vernünftig abzuschminken, geschweige denn die ganzen Splinten aus dem Haar zu fummeln.

 

Beim Makeup ließ ich einfach die anderen entscheiden was gemacht wird, da ich die meisten Begriffe nicht einmal auf Deutsch kannte. Mit dem Ergebnis war ich sehr zufrieden.

 

Nach dem Friseur hatten wir noch etwas Zeit Zuhause. Wir aßen die Reste von der Pizza am Vortag, dann zogen wir uns alle um. Da meinem Gastpapa Rafael noch ein Paar passende Socken fehlten, hielten wir auf dem Weg zur Kirche noch einmal kurz an. Ich dachte schon wir wären zu spät, da es die ganze Zeit hieß der Gottesdienst würde um 12 Uhr anfangen. Die Ecuadorianer nehmen es allerdings nicht ganz so genau mit der Uhrzeit, sodass wir um 12:10 Uhr sogar mit die ersten an der Kirche waren. Ich glaube letztendlich haben wir erst um kurz vor 13 Uhr angefangen.

 

Der Gottesdienst an sich war nach demselben Muster aufgebaut wie in Deutschland. Einige Rituale, habe ich sofort wiedererkannt, wie zum Beispiel die Fürbitten, auch wenn ich nicht wusste, was man als Gemeinde nun auf Spanisch antwortet. Die sehr lange und ausladende Rede des Pastors habe ich zwar nur zu Teilen verstanden, aber sie schien gut gewesen zu sein, denn alle anderen waren begeistert.

 

Am Ende des Gottesdienstes wurde an alle Frauen und Mädchen kleine Dosen mit Reis verteilt, die beim Verlassen der Kirche auf das Brautpaar geworfen wurden, um sie in ihrer Ehe mit Glück zu segnen. Dabei rief man laut: "Se vivan los novios" was auf Deutsch bedeutet: "Es lebe das Brautpaar". Dieser Zuruf wurde während des gesamten Abends unzählige Male wiederholt.

 

Das Brautpaar hatte ein mehrköpfiges Organisationsteam, die mit Headsets ausgestattet waren und sich den ganzen Tag über um allerlei Kleinigkeiten kümmerten, wie das ständige Richten des Brautkleides und ähnliches.

 

Von der Kirche in Latacunga fuhren wir mit dem Auto nach Salache. Ich kannte die Location zwar schon vom Vortag, aber fertig geschmückt war alles noch viel überwältigender, Am Eingang standen Mitarbeiter der Familie mit Listen und wiesen die Tische zu. Anders als erwartet saß ich weder bei Fáti noch bei meinen Gasteltern am Tisch, sondern war am Tisch von einigen Cousinen und Cousins der Braut gelandet (wenn ich den Verwandtschaftsgrad richtig verstanden habe, denn nachdem mir unzählige Leute vorgestellt wurden und Rosy mir versucht hat zu erklären wer mit wem wie verwandt ist, habe ich den Überblick verloren).

 

Jedenfalls hatten die Leute an meinem Tisch in etwa mein Alter. Sie kamen teilweise aus Quito und Guayaquil. Michaela zu meiner Linken hat sich gut um mich gekümmert und mir ganz lieb einige Dinge erklärt, die ich nicht ganz verstanden habe. Nachdem das Brautpaar nach etlichen Zurufen endlich saß und die Väter ihre Reden gehalten hatten, konnte ich mein Geschenk überreichen, Es schien in Ecuador nicht üblich dem Brautpaar etwas zu geben, umso mehr haben sich die Beiden jedoch darüber gefreut, dass ich ihnen eine deutsche Tradition gezeigt habe.

 

Danach begann das Essen. Das Menü war sehr umfangreich und edel. Mir hat nicht alles geschmeckt, aber im Großen und Ganzen war es richtig lecker. Übertroffen wurde alles von dem riesigen Buffet für allerlei süße Kleinigkeiten, die hier in Ecuador sehr beliebt sind.

 

Kaum waren die Nachspeise oder die erste Runde vom süßen Buffet verzehrt, strömten quasi alle auf die Tanzfläche und insgesamt 10 Animateure standen auf der Bühne. 3 Männer und eine Frau waren während des Singens auch noch am Tanzen, die anderen 6 nur eingeschränkt an ihren Instrumenten. Mit einem nie endenden Rhythmus wurde ein Lied nach dem anderen gespielt, nur unterbrochen durch Zurufe für das Brautpaar.

 

Ich kannte nur wenige der Lieder, darunter zum Beispiel Despacito, aber die meisten waren in etwa im selben Stil. Zu bestimmten Liedern animierten die Amateure die Menge zu bestimmten Tanzbewegungen. Die Mädels von meinem Tisch und Fáti zeigten mir alles Wichtige und besorgten mir sogar einen Tanzpartner. Ich glaube ich bin nicht als besonders gute Tänzerin in Erinnerung geblieben, aber wir hatten auf jeden Fall alle viel Spaß.

 

Am schwierigsten war an diesem Abend für mich mit der Offenheit der Menschen umzugehen. Jeder berührte einen, besonders auf der Tanzfläche ohne groß Hemmungen. Nicht selten wurde man auf der Tanzfläche einfach als Tanzpartner geschnappt für einige Tackte und dann weitergereicht. Zu meinem Glück tanzte man keinen klassischen Tanz, sondern gab sich einfach beide Hände, bewegte sich irgendwie im Takt und drehte sich gegenseitig, unabhängig vom Geschlecht.

 

Um kurz vor neun verließ ich die Feier, da mein Körper nach mehreren Stunden des Tanzens nach Schlaf verlangte und mir die Zeitumstellung noch in den Knochen steckte. Die ganze Zeit bei lauter Musik in einer fremden Sprache zu kommunizieren, war eine zusätzliche Anstrengung. Ich schlief so tief und fest, dass ich nicht einmal mehr mitbekam, wie alle anderen, die auch dort schliefen irgendwann laut hereinkamen. Rosy hat mir am Morgen erzählt, dass irgendein Cousin sogar versucht hat mich zu wecken, aber ich hätte so tief geschlafen, dass ich nicht aufgewacht war.

 

Es war eine großartige Feier mit vielen netten Leuten. Allerdings war es auch sehr anstrengend für mich und ich war auch irgendwie froh, dass es nun vorbei war.

 

 

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