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Zwischenbilanz: 1 Monat in Ecuador

 

Seit gestern bin ich genau ein Monat in Ecuador. Es ist schon ein sehr komisches Gefühl irgendwie, dass ich all meine Freunde und meine Familie schon so lange nicht mehr gesehen habe. Eigentlich kam mir die Zeit bisher vor wie eine normale Woche Schüleraustausch und Schwups war ein Monat um. Das zeigt irgendwie wie schnell die Zeit dann doch an uns vorbei fliegt, sobald wir uns einigermaßen wohl fühlen und beschäftigt sind. In der ersten Woche kam es mir alles sehr langsam und schleppend vor. Mittlerweile aber hat sich das deutlich gebessert. Der erste Kulturschock, so würde ich das jetzt mal nennen, ist größtenteils überwunden und an die ersten Dinge habe ich mich bereits etwas gewöhnt.

 

Noch ziemlich genau erinnere ich mich an meinen ersten Schultag wo ich am liebsten rückwärts wieder aus dem Klassenraum gegangen wäre, weil die Atmosphäre mich dermaßen abgeschreckt hat. Jetzt kann ich sagen, dass ich beinahe gerne in die Schule gehe (Schule bleibt halt trotzdem immer noch Schule...) und ich mich darauf freue meine Klassenkameraden wiederzusehen. Ich habe zwar die ganze Zeit meine Gastschwester um mich, aber es ist schön sich mal mit anderen Leuten unterhalten zu können. Gemeinsam spielen wir oft Karten. Das finde ich schön, denn dieses Phänomen war in meiner Stufe in Deutschland absolut verachtend angesehen und wurde als Kinderkram abgestempelt. Hier spielen selbst die ältesten an der Schule noch in jeder Pause Fußball, Basketball oder Volleyball. Das ist echt erfrischend. Langsam kann ich mich auch wieder an diese sportlichen Aktivitäten wagen, denn meine Erkältung scheint fürs Erste überstanden zu sein. Seit gestern ist das Wetter hier deutlich besser und man kann in der Mittagshitze tatsächlich mit einem T-Shirt draußen herumlaufen. Laut meinem Gastpapa hält sich das Wetter normalerweise auch eine Weile, bevor im November die Regenzeit anfängt, die etwa bis Juni geht. Im April regnet es statistisch gesehen am meisten. Das Land wird also bald aufblühen, obwohl es jetzt schon sehr grün ist. Darauf freue ich mich.

 

Auch die Essensproblematik bessert sich langsam aber sicher. Ich helfe jetzt fast jedes Mal beim Kochen und bringe vor allem meinem Gastpapa einige für ihn neue Dinge bei, wie man mit weniger Fertigpackungen sogar günstiger und gesünder satt wird. Seitdem ich ihnen erklärt habe wie wichtig mir Gemüse und Obst ist, gibt es zum Mittagessen immer etwas Salat und die Obstschüssel wird auch regelmäßig gefüllt. Früchte, die in Deutschland relativ schlecht sind, weil sie nun mal aus Südamerika importiert werden, sind hier deutlich süßer und billiger. Besonders Bananen werden einem hier zu meiner Freude quasi hinterhergeworfen. Lustigerweise gibt es hier auch viele Nektarinen, die ich sehr gerne mag. Die Sache mit dem Kochen ist eine Win-Win-Situation. Ich bekomme frischeres Essen, dass deutlich besser schmeckt und meine Gastfamilie lernt ein wenig dazu. Die Apfelpfannekuchen, die ich am Sonntag gemacht habe sind sogar so gut angekommen, dass ich das auf jeden Fall nochmal machen soll. Ich habe so ein wenig erzählt was wir Zuhause essen und was ich so kochen kann und es sind schon einige Wünsche geäußert worden, was meine Gastfamilie unbedingt mal probieren will. Rafa wollte mir nicht glauben, dass ein normaler Pizzateig kein Hexenwerk ist, sondern eigentlich richtig simpel. Ich freue mich darauf ein wenig zu zeigen wovon wir uns so ernähren, denn so bekomme ich gleichzeitig öfter Essen was ich furchtbar gerne Esse.

 

Ansonsten störrt mich ein wenig die absolute Unzuverlässigkeit der Leute hier. Das betrifft nicht nur Verabredungen, sondern einfach alles. Man spricht ab was eingekauft werden muss, weil zum Beispiel, dass Wasser alle ist und dann wird gesagt man macht es noch am selben Tag. Tatsächlich wird der Vorrat erst einige Tage später aufgefüllt und man muss diese Durststrecke im wortwörtlichen Sinne tatsächlich irgendwie überbrücken. Das führt dazu, dass mittlerweile schon zwei Mal fast nichts mehr zu Essen im Haus war und es trockenen Toast zum Abendbrot gab. Ein bisschen Mayonnaise drauf hat es zwar essbar gemacht, aber so wirklich großartig fand ich das nicht. Auch wenn ich das dann auch angemerkt habe, schaffen es meine Gasteltern wirklich in der Planung manchmal nicht besser. Seitdem bunkere ich mir einfach ein wenig Obst direkt in meinem Zimmer um eventuelle Notstände des Abends ausgleichen zu können bis man am nächsten Tag einkaufen gehen kann. Dasselbe gilt auch für einige Wasserflaschen. Mit der Situation muss ich mich wohl einfach abfinden und das Beste daraus machen - ist ja nicht so, dass man das nicht überleben könnte. Unpünktlichkeit gehört hier immer mit dazu. Ich habe mittlerweile aus meinen Fehlern gelernt und warte einfach auf dem Sofa oder auf meinem Bett bis es dann endlich losgeht anstatt mehr als eine Stunde an der Tür zu stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Jetzt weiß ich mehr wie das funktioniert, wenn meine Gastmama sagt, dass wir um 10 Uhr fahren, mache ich mich rechtzeitig fertig und entspanne noch ein wenig in meinem Zimmer bevor es dann gegen halb 12 tatsächlich losgeht. Das erspart mir Stress und ich wäre, falls das tatsächlich mal vorkommen würde, auch pünktlich zur verabredeten Uhrzeit fertig.

 

Ein ebenfalls etwas schwierigeres Thema sind die ständigen Familientreffen. Es heißt zwar immer man geht nur zum Kaffeetrinken, aber meist ist man etwa gegen kurz vor Mitternacht erst wieder daheim. Am Wochenende ist das weniger Schlimm, aber unter der Woche zehrt das doch arg an der Energie, wenn man morgens um halb 6 zur Schule aufstehen muss. Wer mich kennt, weiß, dass ich Schlafmangel nicht gerade schätze und es ist sehr anstrengend dann am nächsten Morgen gewohnt höflich zu sein, schließlich bin ich hier Gast und muss mich irgendwie zusammenreißen. Wenn dann auch noch jemand das leere Marmeladenglas zurück ins Regal gestellt hat und nicht Bescheid gesagt hat, dass Neue gekauft werden muss und man nichts mehr hat, was man auf sein Toast schmieren kann, sinkt die Stimmung gefährlich. Zum Glück meiner Mitbewohner halten die nicht so viel von einem Frühstück und stehen erst eine Viertelstunde vor Abfahrt auf, sodass die sichere Eskalation (ihr wisst alle was ich meine) bisher verhindert werden konnte. Mit Müsli und Joghurt kann man sich zu Nat auch über Wasser halten, auch wenn man die Rosinen rauspulen muss. Eine weiter Umstellung ist es für mich keinen Kaffee mehr zu trinken. Das was hier in den Haushalten als Kaffee existiert ist schließlich schlecht schmeckendes Instantpulver ohne Koffein. Zu meinem Glück gibt es fast immer Cola im Haus, weil mein Gastpapa die sehr gerne trinkt, und somit bekomme ich wenigstens etwas Koffein am Morgen, um die Stimmung zu heben.

 

Es ist ganz überraschend welche Sachen man am meisten vermisst. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal ein Mensch wäre, der sich über mangelnde Sauberkeit und Ordnung beschwert. Meine Mama kann bezeugen, dass ich absolut kein reinlicher oder ordentlicher Mensch bin, aber hier wurde selbst meine Toleranzgrenze etwas überschritten. Da das Haus zurzeit in Renovierung ist, hatten wir bis vor drei Tagen nur ein einziges funktionierendes Waschbecken. Das war das in der Küche. Dieses ist leider ständig dermaßen verdreckt von Essensresten und dreckigem Geschirr (hier gilt die Regel: jeder spült das was er benutzt hat selbst, das funktioniert aber nicht immer allzu gut), dass selbst ich freiwillig zum Putzschwamm greife und das Ding zehn Minuten lang schrubbe und das Geschirr wegspüle, damit ich mir die Zähne putzen und das Gesicht waschen kann. Wenn es geht lege ich das mittlerweile unter Dusche, da mein Badezimmer kein Waschbecken hat und auch keins bekommen wird, weil mir das deutlich hygienischer erscheint. Auch der Esstisch wird nicht nach dem Essen oder am Abend einmal abgewischt und teilweise sind da Sachen eigetrocknet, von denen ich nicht wissen will was es mal war. Jetzt wische ich ihn öfters mal ab. Man muss halt das Beste aus seiner Situation machen und nicht nur schlechte Laune deswegen schieben. Wenn ich halt nicht zufrieden mit den Zuständen bin, helfe ich halt selbst damit es besser wird. Eigentlich das gleiche Prinzip wie beim Essen. Trotzdem kann ich ja schlecht den ganzen Alltag umstrukturieren, aber wenn ich den Tisch dann einfach selbst abwische vor dem Essen, macht das keine Probleme oder ähnliches.

 

Insgesamt jedoch ist das Leben hier eigentlich recht entspannt. Die Leute lassen sich nicht von Kleinigkeiten den Tag vermiesen, sondern sehen darüber hinweg. Ja die Kultur ist anders, aber mir gefällt es mittlerweile gut. Auf einmal wird mir Bewusst wie viele Dinge ich für selbstverständlich gehalten habe. Das sagt man ja immer so, aber das am eigenen Leib zu spüren war dann doch irgendwie was ganz anderes, viel realistischer. Klingt komisch - ist aber so. Ich habe nie so wirklich ernst genommen was für ein Luxus das ist, wenn meine Mama sich um all meine Wäsche gekümmert hat. Jetzt musste ich am eigenen Leib erfahren wie viel Zeit und Mühe da drinsteckt und wie sehr ich mich darauf ausgeruht habe (tut mir übrigens leid an dieser Stelle Mama!). Kleinigkeiten wie ständig warmes Wasser oder einen Föhn gibt es auf einmal nicht mehr. Ich hätte nie gedacht, dass es einen Haushalt mit zwei Frauen mit langen Haaren gibt, die bei der Kälte ihre Haare nie föhnen. Auch ungewohnt ist, dass es keine Heizung im Haus gibt. Die ist einfach sehr teuer hier und die Leute haben sich an die Temperaturen gewöhnt. Mittlerweile komme ich damit auch relativ gut klar, aber am Anfang war ich die ganze Zeit ein Eiszapfen. Selbst der Kamin wird nur ganz selten und zu besonderen Anlässen angemacht, weil Holz hier nicht so im Übermaß vorhanden ist wie bei uns. Auf knapp 2800m gibt es zwar noch hier und da Bäume, aber längst keine dichten Wälder wie bei uns, die man kommerziell gut nutzen kann. Deswegen ist das hier einfach teurer und man spart das Geld lieber für andere Dinge. Das sind Aspekte, die mir vorher absolut nicht bewusst waren.

 

Die Sprache bereitet mir keine allzu großen Probleme. Klar gibt es hier und da mal kleine Missverständnisse oder ich verstehe nicht alles was mir gerade erzählt wurde, aber erstaunlicherweise funktioniert es sonst eigentlich mit der Kommunikation an sich sehr gut. Die wichtigsten Dinge wie Essen zum Beispiel stellen keinerlei Probleme dar und ich lerne jeden Tag neue Vokabeln dazu und werde in der Verwendung der Verbformen sicherer. Meine Vergangenheitsform, die in der Schule beinahe in Vergessenheit geraten ist, weil wir nur noch Zusammenfassungen und so was geschrieben haben, die alle nur die Gegenwart enthalten, klappt bereits jetzt fast flüssig, obwohl ich am Anfang echt Probleme hatte die richtigen Endungen zu benutzen. Mein Umfeld korrigiert mich fleißig und hilft mir so die Sprache zu verbessern. Die Hausaufgaben und die Aufgaben in der Schule nutze ich zusätzlich zum Üben der Sprache, denn die Thematiken dahinter kenne ich meistens bereits (besonders zum Beispiel in Bio, Mathe und Chemie). Stattdessen übe ich mich differenzierter auszudrücken, lerne neue Vokabeln und verbessere mein Textverständnis (z.B. in Geschichte). Ich denke je schneller ich meine Sprache immer mehr verbessere, desto schneller kommt man ins reine Genießen und desto leichter fallen auch schwierigere Konversationen.

 

Nach diesem ersten Monat mit einigen Hochs und Tiefs wie ihr ja alle wisst, kann ich trotzdem sagen, dass ich so langsam angekommen bin. Genießen wäre vielleicht noch etwas zu hoch gegriffen, aber ich fühle mich mittlerweile ganz wohl hier. Meine Familie ist sehr nett und ich kann auch die oben beschriebenen Themen ohne schlechtes Gewissen ansprechen. Manche Dinge sind hier halt einfach so und wenn meine Gastmama bei ihrem Arbeitsstress es verpeilt hat rechtzeitig zum Einkaufen zu fahren, kann ich ihr nicht ganz so böse sein. Bis jetzt bin ich ja noch nicht verhungert und das kommt ja auch nicht ständig vor. Was ich aber zugeben muss: es ist ganz anders als erwartet. Ich hatte mir zwar bewusst keine konkreteren Vorstellungen gemacht, aber allein im Unterbewusstsein geht man doch mit gewissen Erwartungshaltungen an die Sache heran. Ich hatte mich auf Chaos und Unpünktlichkeit eingestellt, aber dass was mich hier erwartet hat, hat mich im ersten Moment ziemlich aus den Socken gehauen. Auch dass mein Körper offensichtlich so große Probleme mit der Klimaumstellung hatte, hätte ich nicht erwartet. Hoffentlich bekomme ich den erneuten Wechsel bei der bald anstehenden Strandtour mit Rotary besser verarbeitet und liege nicht wieder krank im Bett.

 

Fazit nach einem Monat: Mir geht es ganz gut hier und ich fühle mich jetzt schon deutlich wohler als am Anfang, aber es ist auf jeden Fall noch etwas Luft nach Oben. Heimweh hatte ich tatsächlich noch nicht so richtig. Klar habe ich besonders meine Eltern mal kurz vermisst, als ich krank war und es mir schlecht ging, aber noch nicht einmal hatte ich den Wunsch nach Hause zu wollen. Ich denke das ist ein gutes Zeichen.

 

 

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