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Endlich Sport!

 

 

Am Montag nach der Reise war Alessandra nicht in der Schule, weil sie krank war. Leider konnte ich nicht zum Schwimmen am Montag, weil meine Gastschwester ein Bracket ihrer Zahnspange verloren hatte und sie deswegen zusammen mit meinem Papa nach Quito fahren musste. Dafür konnte ich aber am Dienstag zum Schwimmen. Zusammen mit meinem Papa habe ich mit der Trainerin abgesprochen wie wir das mit dem Vereinsbeitritt und den monatlichen Gebühren machen. Ich kann jetzt fünf Tage in der Woche zum Schwimmtraining gehen, wenn nichts dazwischenkommt und mein Papa mich fahren kann. Ich bin unheimlich froh endlich richtig Sport machen zu können. Ich habe sogar schon einige nette Gleichaltrige kennengelernt, mit denen ich mich gut verstehe. Witzig ist, dass ich tatsächlich die Schnellste meiner Gruppe bin, trotz Luftmangel aufgrund der Höhe hier. Meine Trainerinnen aus Deutschland wissen sicherlich, dass ich eigentlich nicht allzu schnell unterwegs bin im Wasser und eher in die Kategorie der gemütlichen Schwimmer gehöre. Es mag aber vielleicht auch teilweise an dem extremen Größenunterschied liegen, denn ich bin locker einen Kopf größer als die Anderen und ich bin mir sicher, dass einige Kinder dort nicht freiwillig sind so wie sie sich benehmen, sondern dass sie von ihren Eltern eher dazu genötigt werden Sport zu machen. Das Training ist strenger als ich es aus Deutschland gewohnt bin und es gibt vor allem weniger Pausen, die Übungen jedoch sind mir größtenteils bekannt.

 

Am Mittwoch der letzten Woche hatte ich mein Zweimonatsjubiläum hier in Ecuador. Der Blogeintrag dazu ist ja bereits online gekommen. Im Sportunterricht am Morgen haben wir Fußball gespielt und ich habe mich sehr darüber gefreut, als ich ein Tor erzielen konnte. Manchmal sind es auch die kleinen Dinge, die einen glücklich machen und man sollte sich auch über Kleinigkeiten freuen, dann kann man den Alltag deutlich mehr genießen.

 

Am Donnerstag hatte meine Klasse Kuchen für einen unserer Lehrer organisiert, der Geburtstag hatte. Das Kuchenessen wurde jedoch durch eine Evakuationsprobe unterbrochen. Es wurde ein Erdrutsch simuliert. Für die Simulation wurden vorher sogar einzelne Schüler aus dem Unterricht geholt, die Verletzte gespielt haben und von den Lehrern gerettet wurden. Wir anderen haben das Gebäude mehr oder weniger geordnet verlassen und uns Klassenweise im Kreis aufs Fußballfeld gesetzt. Nachdem durchgezählt wurde und vermisste Schüler gemeldet wurden, mussten wir simple Gruppenspiele, wie stille Post spielen. Im Ernstfall soll das von der Gefahr ablenken und uns beschäftigen. Die Lehrer haben in der Zeit die vermeintlich Verletzten gerettet und Erste-Hilfe geleistet. Nach einer knappen halben Stunde waren wir letztendlich fertig und konnten wieder zurück in unsere Klassen. Nachmittags hatte mein Papa beim abholen vom Schwimmen mehr als 40 Minuten Verspätung. Davon habe ich ja bereits im letzten Post erzählt. Daraus resultierte dann nicht nur, dass ich die Zeit im Regen stand, sondern auch, dass ich zu der nachfolgenden Verabredung mit meinen Klassenkameraden für eine Gruppenarbeit deutlich zu spät kam. Meine Klassenkameraden hatten zum Glück Verständnis. Schnell erledigte ich meinen Teil der Arbeit noch, dann haben wir die Wartezeit, bis wir wieder abgeholt wurden im Garten von Esteban, bei dem wir zu Besuch waren, verbracht. Er hat mit jedem von uns eine Runde auf seinem Quad über das große Grundstück gedreht. Natürlich mit einem Helm auf. Das hat sehr viel Spaß gemacht und es hat mich ein wenig daran erinnert wie sehr ich das Motorradfahren vermisse.

 

Freitagsmorgens fand statt Sportunterricht das alljährliche Spiel der Abschlussklasse gegen die Lehrer an. Die Partie war nicht wenig brutal und nicht wenige Spiele eiferten ihrem offensichtlichen Vorbild Neymar nach. Da jedoch kein Schiedsrichter vorhanden war, lief das Spiel aber ohne Unterbrechungen einfach weiter. Am Ende gab es ein knappes Unentschieden (3:3), denn die Schüler konnten in den letzten Minuten ihren vorherigen Rückstand noch ausgleichen.

 

Am Abend durfte ich mich nach einigem hin und her mit meinen Gasteltern mit einigen von meinen Freunden treffen. Wir waren in einem kleinen Restaurant mit amerikanischem Essen, also gab es Burger und Pommes. Insgesamt waren wir zu fünft: Marcela, Josue, Pedro und dessen kleiner Bruder Fran. Ich habe mich in deren Gesellschaft sehr wohl gefühlt und es war echt lustig. Nachdem ich meinen leckeren Bacon-Cheeseburger mitsamt Pommes aufgegessen habe, habe ich auch noch den Rest der Pommes, die mit Hühnchen und Käse überbacken waren, von Pedro gegessen. Da mir hier ja oft das Essen nicht allzu gut schmeckt, musste ich diese Chance einfach nutzen. Es wäre ja auch schade um die Pommes gewesen, wenn sie weggeschmissen worden wären. Danach sind wir mit dem Auto zu einem Kiosk gefahren und haben Eis geholt, dass wir danach im Auto gegessen haben. Dazu gab es gute Musik und wir haben uns noch nett unterhalten. Ich durfte leider nur bis 21 Uhr ausgehen, deswegen haben mich die Anderen wieder zu meiner Großmutter zurückgebracht, wo sie mich zuvor auch abgeholt hatten, da meine Gasteltern den ganzen Tag unterwegs waren.

 

Hinterher habe ich erfahren, dass es in Salache (die Ortschaft, wo auch die Hochzeit war) einen Mord gegeben hat. Zunächst war eine Frau vermisst worden und sie wurde seit Donnerstagabend gesucht. Am Freitagmittag wurde sie letztendlich tot in einem kleinen Fluss aufgefunden mit einer Kopfwunde, die ihr gewalttätig zugefügt worden sein muss. Meine Eltern haben bei der Suchaktion geholfen, da sie die Frau kannten und haben auch deren Familie und besonders ihren sechs Kindern, von denen das Jüngste gerade einmal 9 ist, beigestanden. Dementsprechend getrübt war die Stimmung als meine Eltern letztendlich am Abend zurückkamen. Meine Mama hat auch geweint und wir sind noch eine Weile bei ihrer Mutter geblieben, bevor wir nach Hause gefahren sind. Da Salache eigentlich als ein sehr sicherer Bereich galt, war das Ereignis umso erschreckender und umso unerwarteter. Ich wurde hier also nun das erste Mal mit der gefährlichen Kriminalität vor Ort konfrontiert und ich finde es erschreckend wie schnell das Leben der Frau nun zu Ende gegangen ist bei einer ganz alltäglichen Handlung. Sie ist die Strecke wo sie überfallen wurde eigentlich jeden Tag gelaufen, so wie viele Andere auch. Ich kann nun besser nachvollziehen, wenn meine Eltern sehr streng sind, wenn es ums Ausgehen geht. In abgesperrten und sicheren Umgebungen wie bei Feiern dürfen Fáti und ich natürlich auch länger ausbleiben, aber bei Treffen in der Stadt gibt es große Einschränkungen. Das akzeptiere ich aber angesichts den hier herrschenden Sicherheitsproblemen, schließlich geht es hier um meine Sicherheit und meine Gasteltern sind nun einmal für mich verantwortlich und müssen dafür bürgen können, dass mir nichts passiert.

 

Am Samstag stand die nächste Feier an. Ich wurde eingeladen, obwohl ich das Geburtstagskind nicht einmal kannte, weil ich die Schwester von Fáti bin. Im Nachhinein wäre ich lieber Zuhause geblieben, aber ich konnte ja vorher nicht wissen, wie die Party wird. Offiziell wurde für 17 Uhr eingeladen, war kamen um kurz nach 20 Uhr dort an. Das stellte sich allerdings als gut heraus, denn erst einige Zeit später begann die Feier mit den Reden einiger Familienmitglieder. Generell kannte ich nur eine Handvoll Leute auf diese Feier, die bestimmt an die hundert Gäste hatte und mit niemanden von denen war ich wirklich gut befreundet. Ich habe mich also meiner Gastschwester angehängt und bin ihr auf Schritt und Tritt gefolgt. Das war aber gar nicht so einfach und da sie mit ihren Freuden ihr eigenes Ding abgezogen hat, stand ich nach einer Weile allein da. Deshalb war ich sehr froh kurz darauf Pedro zu erblicken, der erst sehr später gekommen war. Kurz danach, ich glaube es war gegen halb elf, begann dann auch endlich die Tanzmusik und die letzten eineinhalb Stunden hatte ich so wenigstens noch etwas Spaß auf der Feier. Der arme Pedro ist zwar an meinem mangelndem Tanztalent verzweifelt, da ich nun einmal eine steife Hüfte habe und das so ziemlich das Essenzielle hier beim Tanzen ist, aber wir hatten trotzdem viel Spaß und ich habe den ein oder anderen Tanzschritt dann doch gelernt. Hier wird fast immer paarweise getanzt, geschlechtsunabhängig, und fast jeder kann zumindest ein paar Schritte Salsa. Ich habe ja noch ein wenig Zeit das auch noch zu lernen. Die nächste Feier ist schon morgen an Halloween. Um kurz vor Mitternacht wurden wir endlich von der Feier abgeholt. Ich habe mich auf der Feier insgesamt sehr unwohl und alleingelassen gefühlt und das nächste Mal, wenn Fáti mich irgendwohin mitnehmen möchte, werde ich mich vorher umhören, ob auch ein paar meiner Freunde dort sind und dann entscheiden ob ich mitgehe, oder nicht.

 

Am Sonntag habe ich dann Pizza machen können. Etwas ungeplant und ohne Vorankündigung kamen dann auch noch meine zwei Cousinen und denen Eltern zum Besuch. Die Pizza ist zum Glück gut gelungen und es sind trotzdem alle satt geworden. Hier wird ohnehin weniger gegessen nach meinem Empfinden und den Portionen nach zu urteilen, die man hier in Restaurants bekommt oder die bei meinen Großeltern auf den Teller kommen. Ich war einfach nur glücklich etwas zu Essen zu haben, was mir auch gut schmeckt.

 

Am Abend nachdem alle Verwandten, zum Kaffeetrinken waren nämlich auch mal eben noch meine Großeltern zu Besuch, habe ich es endlich geschafft unter vier Augen mit meiner Mama zu reden. Ich habe ihr erklärt, dass ich gerne in der Schule nachfragen würde, ob ich die Klasse wechseln kann. Sie hat sehr verständnisvoll reagiert und mir gesagt, dass sie mich sehr gut verstehen kann, ihr wäre ja schließlich selber schon aufgefallen, dass ich mich besser mit den Schülern aus der Abschlussklasse verstehen. Sie versprach mir mich bei dem Unternehmen zu Unterstützen und auch mitmeinem Papa darüber zu reden.

 

Am Montag ist mein Papa also zur Direktorin der Schule gegangen und hat nachgefragt. Daraufhin hat sie ihm erklärt, dass sie das nicht alleine entscheiden kann und dass wir das mit Rotary absprechen müssen. Meine Mama hat dann am Abend mit meinem YEO Renato gesprochen, der ihr gesagt hat, dass es nicht möglich wäre. Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass es so ein großes Problem ist, die Klasse zu wechseln, da Alessandra ja auch bereits gewechselt hat. Mein Notendurchschnitt unterstützt eigentlich nur meine Aussage, dass ich in der Klasse einfach unterfordert bin. Meine Mama hat mir dann dazu geraten mich noch einmal selbst an Renato zu wenden und ihm meine Beweggründe darzulegen. Das habe ich gemacht und nach der Begründung für die schnelle Absage gefragt. Er hat mir heute geantwortet, dass er im Gespräch mit anderen Leuten von Rotary ist, um meine Anfrage noch einmal zu überdenken. Mein Rotaryclub steht also hinter mir und kann mich nachvollziehen. Es muss wohl eine Ebene darüber von Rotary die Zustimmung eingeholt werden. Ich kann jetzt also nur abwarten und werde dann sehen, ob sich an der Antwort noch was ändert oder ob es bei einem nein bleibt. Aber selbst wenn ich nicht wechseln kann, habe ich zumindest alles versucht. Es wäre schließlich auch kein Weltuntergang, denn meine Klasse ist sehr nett.

 

Diese Schulwoche ist ohnehin kürzer, weil wir Donnerstag und Freitag Ferien haben. Samstag ist hier in der Stadt das Fest „Mama Negra“, das größte Fest des Jahres hier in der Stadt, zu dem Leute aus ganz Ecuador kommen. Wahrscheinlich werde ich dort gemeinsam mit meinen Freunden hingehen.

 

Heute gab es in der Schule ein typisches Essen zu Halloween: „Guauas de pan“ das ist Brot in Form von einem Menschen und „Colada morada“ ein Getränk aus Unmengen an verschiedenen Früchten mit einer sehr zähen Konsistenz. Mir persönlich hat das Getränk, in das man das Brot tunkt leider nicht geschmeckt, aber das Brot war echt in Ordnung und erstaunlicherweise wenig süß.

 

Insgesamt hatte meine letzte Woche also sowohl Hoch- und Tiefpunkte. Ich freue mich auf die freien Tage in denen ich mich hoffentlich mit meinen Freunden treffen kann.

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