· 

Chaotische Vorweihnachtszeit

 

 

Während der Montag nach dem Stierkampf relativ ereignislos verlief, sowohl in der Schule als auch am Nachmittag, haben wir am Dienstag in der Schule angefangen ein Krippenspiel aufzubauen. Nicht anders als erwartet war meine Klasse darauf mal so überhaupt nicht vorbereitet und niemand hatte irgendwelche Materialien mitgebracht, so wie die anderen Klassen. Die Nachbildung der Krippe war eine Art Wettkampf zwischen den Kursen und eine Jury von Lehrer hat nach einer Woche Bauzeit die Krippen bewertet und einen Sieger gekürt. In den nächsten Schultagen haben wir also immer wieder darum gebettelt die Unterrichtszeit für den Krippenbau verwenden zu dürfen und eine erstaunlich hohe Anzahl an Lehrern hat das, ohne groß zu murren, bewilligt.

 

Zeitgleich haben wir auch noch beschlossen in der Klasse zu Wichteln. Dazu gehört hier aber nicht nur am Ende ein großes Geschenk zu besorgen, sondern wir haben uns darauf geeinigt uns drei Tage in der Woche etwas Süßes in der Klasse zu hinterlassen. Ich fand die Aktion sehr cool und fast alle haben sich auch an die Regeln gehalten, was ich bei den Chaoten meiner Klasse echt bewundernswert fand. Wir haben auch noch einen Platz im Restaurant für ein gemeinsames Weihnachtsessen für den 14. Dezember ergattern können, obwohl wir reichlich spät dran waren.

 

Am Nachmittag konnten wir dann endlich die Zutaten für Kekse einkaufen. Ich habe mich dazu entschieden erst einmal die klassischen Ausstechkekse zu backen, da die Zutaten dafür am einfachsten zu finden waren und ich damit unseren Ofen testen konnte, bevor ich mich an etwas kompliziertere Sachen wie Vanillekipferl gewagt habe. Am Ende musste ich nicht nur die Kekse einmal wenden, damit sie von allen Seiten gar und von keiner Seite angebrannt werden, sondern auch das Backblech einmal drehen, weil der Ofen vorne viel heißer ist als hinten. Die Farbe der Kekse wurde also etwas ungleichmäßig, aber der Geschmack war wie daheim. Mein Backprozess wurde dann durch einen Einfall meiner Mama unterbrochen. Einmal im Monat ist „Verrückter Dienstag“ im Kino wo der Eintritt nicht einmal zwei Dollar kostet. Das wollte sie ausnutzen und hat meine Tante Pipi mit ihrem Mann, meine Tante Alex mit Aleja, Fáti und mich dazu eingeladen in „Bohemian Rhapsody“ zu gehen. Zwar hatten meine Schwester und ich den Film schon einmal gesehen, aber ich sag ja nicht nein dazu, wenn ich mir die unfassbar tolle Musik noch einmal in Kinolautstärke anhören kann. Dadurch waren wir zwar erst sehr spät im Bett, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

 

Mittwochabend konnte ich dann endlich die Kekse fertig machen. Einen Teil habe ich mit Zitronenglasur verziert und den Rest mit Schokolade überzogen. Dann habe ich gleich auch noch für meine Freunde ein paar Tüten abgepackt, da am Donnerstag ja Nikolaus war und ich das zumindest irgendwie feiern wollte, weil die Leute das hier überhaupt nicht kennen. Die große Tupperdose war halbvoll, als ich nach meinen Gasteltern so gegen halb zwölf ins Bett gegangen bin. Nur Fáti war danach noch wach. Bei, Frühstück befanden sich noch genau 3 Kekse in der Dose. Zu meinem Glück hatte ich immerhin eine Handvoll bereits beiseitegelegt, die ich mit in die Schule genommen habe für mich, sonst hätte ich gar nichts mehr abbekommen. Meine Gasteltern hatten jeder nur ihren Probierkeks am Abend, denn Fáti hat auch zum Frühstück die letzten drei vernichtet. Daraufhin hing der Haussegen etwas schief, weil wir alle sauer auf sie waren, weil das einfach respektlos war. Sie musste mir dann versprechen mir beim Machen von neuen Keksen zu helfen.

 

Das haben wir dann auch am selben Tag noch umgesetzt, auch wenn sie ihr Versprechen nur so halb eingehalten hat. Sie hat nicht annähernd die Geduld zwei Stunden in der Küche zu arbeiten und ständig zu warten, dass das nächste Blech fertig wird. Die Vanillekipferl haben wir dann rationiert und abgezählt in vier Schüsseln umgefüllt, damit niemand mehr oder weniger bekommt.

 

Am Freitag gab es in der Schule eine Veranstaltung von verschiedenen Universitäten, die um Bewerber geworben haben. Zusammen mit der Abschlussklasse mussten wir von Stand zu Stand laufen und uns die Vorträge anhören. Da ich nicht vorhabe hier zu studieren und keine der Unis etwas in Richtung Tiermedizin angeboten hat, fand ich das ganze ziemlich langweilig und habe mich nur darüber gefreut ein paar Kugelschreiber als Werbegeschenke bekommen zu haben. Am Abend gab es noch eine Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden, die eher mittelmäßig war. Alessandra war nicht da und meine Freunde sind schon um kurz nach Zehn gegangen, da sie immer Vorbereitungskurse für die Unitests am Samstagmorgen haben. Danach habe ich mich ziemlich alleingelassen gefühlt, weil meine Schwester beschäftigt war und niemand von den Leuten da war, mit denen ich mich sonst noch einigermaßen gut verstehe.

 

Am Samstag hatte ich dann das erste Weihnachtsessen. Fáti und ich haben uns mit den anderen Kindern der Freundesgruppe unserer Eltern getroffen, um schon einmal ohne die Erwachsenen zu feiern. Das Essen war nicht ganz so nach meinem Geschmack, aber da ich ja bekanntlich immer am Essen meckere und mir viele Sachen nicht schmecken, kann ich da eigentlich nichts gegen sagen. Es ist nicht deren Schuld, wenn ich keine Erdnusssauce auf dem Truthahn mag und der Salat mit Oliven überschwemmt ist und ich das leider einfach nicht mag. Trotzdem hat das meine Laune ein wenig runtergezogen. Danach haben wir aber noch getanzt und man hat mir tatsächlich etwas beibringen können. Tanzprofi werde ich sicherlich nicht, aber ganz blöd habe ich mich auch nicht angestellt.

 

Sonntags war ich das erste Mal mit in der Kirche und der Pastor war wirklich ganz sympathisch. Natürlich war der „Kirchensport“ derselbe wie in Deutschland und auch die Rituale sind genau die gleichen. Es gibt sogar einen Adventskranz, der hier in den Haushalten nicht zu finden ist. Ich glaube ich werde nie ein besonders religiöser Mensch sein, aber der Gottesdienst war erträglich. Danach habe ich meine Mama geholfen endlich das Haus zu schmücken. Die Plastiktanne leuchtet jetzt in allen Farben des Regenbogens und auch beim Krippenspiel wurde nicht an grellen Lichtern gesparrt.

 

Die Woche danach war reichlich überladen mit Terminen. Am Montag nach der Schule habe ich mir zusammen mit meiner Schwester die Nägel machen lassen. Ich glaube so viel Aufmerksamkeit haben die vorher insgesamt noch nicht bekommen. Die Reinigung und Entfernung der Hornhaut rund um die Nägel war extrem schmerzhaft, aber wer schön sein will, muss leiden. Tapfer habe ich alles über mich ergehen lassen und dann meine Nägel mit einem Rotton lackieren lassen. Abschließend habe ich noch Schneeflocken und zwei Engel aufmalen lassen. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden, zumal die gute Stunde Arbeit mich gerade einmal knapp 5 Euro gekostet hat.

 

Am Dienstag habe ich das erste Mal hier fast verschlafen, weil mein Handywecker aus irgendeinem Grund nicht geklingelt hat. Ich hatte dann noch gute fünf Minuten, um mich fertig zu machen, als Fáti mich um viertel vor sieben geweckt hat. Wir haben es trotzdem noch pünktlich zur Schule geschafft, aber aufgrund des ausgefallene Frühstückst war meine Laune nicht die Beste. Wir mussten am Nachmittag dann noch Weihnachtskostüme ausleihen gehen, weil wir am Donnerstag von der Klasse „Navidad compartida“, also „geteilte Weihnachten“ hatten. Wir haben dafür eine arme Schule besucht und uns alle verkleidet. Fáti hat mich dazu überredet als Mama Noel zu gehen, was ich später ein wenig bereut habe. Der einzige Trost war, dass alle weiblichen Kostüme Kleider waren und für mich verdammt kurz. Das bedeutete, es spielte absolut keine Rolle als was ich mich verkleidete. Alessandra war auch mit uns mitgekommen und ist danach auch noch mit zu uns nach Hause gekommen, wo sie dann erst reichlich spät abgeholt wurde. Zusammen haben wir noch ein bisschen Karaoke gesungen und Kekse gegessen.

 

Mittwochmorgens haben wir das erste Mal Weitsprung im Sportunterricht geübt, was nach dem Seilspringen nun unser nächstes Thema ist. Es war echt erschreckend wie sich einige Mädchen angestellt haben überhaupt einen Hüpfer zu machen, weil sie Angst davor hatten sich weh zu tun. Dank meiner Körpergröße habe ich bei der Disziplin hier einen deutlichen Vorteil meinen Klassenkameradinnen gegenüber. Nach der Schule musste Fáti wieder nach Quito zum Kieferorthopäden und ich hatte das erste Mal seit meiner ersten Woche hier wieder ein Treffen mit meinem Counselour Martín. Ich war bei ihm zuhause zum Mittagessen. Zusammen mit seiner Frau haben wir lecker mexikanische Tacos gegessen und uns ein wenig unterhalten. Er wollte wissen wie es mir so ging, wie es mit meiner Familie läuft und ob ich Probleme habe. Da ich sehr glücklich bin mit meiner Familie und bis auf die normalen Problemchen im Alltag alle größeren Sachen bereits aus der Welt geschafft sind, haben wir uns dann noch über einige andere Dinge unterhalten. Danach hat er mich dann wieder bei meinen Großeltern abgeliefert wo ich bis halb neun warten musste, weil mich meine Mama erst dann abholen konnte. Das war sehr langweilig, weil meine Oma nur Fernsehen schaut und dabei auf dem Sofa eingeschlafen ist und mein Opa nicht da war.

 

Am Donnerstag ging es dann in der recht kurzen Verkleidung zu einer Schule in Saquisilí. Das ist etwa eine halbe Stunde Autofahrt von Latacunga entfernt. Die Schule war dann eher ein Kindergarten, da es diese Bezeichnung hier aber nicht gibt, war ich etwas überrascht nur mit Kindern zwischen 0 und 3 Jahren zu tun zu haben. Zudem war es echt kalt in dem Kostüm und schon nach wenigen Minuten musste ich feststellen, dass es dort im Gegensatz zu Latacunga ohne ende Mücken gab. Darauf nicht vorbereitet, freuten die sich über meine nackten Beine. Die waren innerhalb von Minuten von oben bis unten dermaßen zerstochen und zerbissen von den Insekten, dass einige Stiche sogar bluteten. Offensichtlich gibt es hier auch beißende Mücken, die richtige Löcher in die Haut machen. In dem Moment hat mich das aber noch nicht so gestört, wie jetzt wo alles einfach nur juckt. Wir haben zusammen mit den Kindern gesungen und gemalt. Einige haben die Kinder geschminkt und sie auch in kleine Rentiere und Weihnachtsmänner verwandelt. Das war echt niedlich wie die Kleinen noch davon überzeugt waren, dass der Weihnachtsmann echt ist. Ein Klassenkamerad hatte sich als Weihnachtsmann verkleidet und die Rolle echt super gespielt. Es war schön die Kinderaugen leuchten zu sehen, besonders als wir dann die Geschenke am Ende verteilt haben.

 

Auf dem Rückweg bin ich dann im Bulli des Lehrers mitgefahren, da das Auto im Gegensatz zum Schulbus eine Heizung hatte und sich die anderen lieber alle in den Bus gequetscht haben, anstatt sich vernünftig aufzuteilen. Dadurch hatte ich es deutlich gemütlicher. Außerdem haben wir dann noch im Stadtzentrum einen kleinen Zwischenstopp gemacht, haben Mais Tortillas und Cola gekauft. Die Tortillas sind aus Maismehl, frittiert und mit Käse gefüllt. Mir schmecken sie sehr gut, hätte ich aber gewusst was für Magenprobleme die Teile auslösen, hätte ich meine Finger davongelassen.

 

In der darauffolgenden Nacht hielten mich nicht nur die juckenden Beine, sondern auch ziemlich miese Magenkrämpfe wach. Um halb sechs am Morgen habe ich dann sogar meine Mama aus dem Bett geholt, die mir dann heißes Wasser mit Anis gegeben hat, was angeblich gegen sowas helfen soll. Ich hasse Anis wie die Pest, aber ich war so verzweifelt, dass ich im Laufe des Vormittages mehrere Tassen davon getrunken habe. Das hat tatsächlich ein wenig geholfen, sodass ich dann wenigstens dazu fähig war aufzustehen und mich ein bisschen im Haus hin und her zu bewegen, in der Hoffnung, dass die Verdauung in Gang kommt. Eine wirkliche Besserung hat erst eine Tablette meiner Oma gebracht, die sie mir nach dem Mittagessen gegeben hat. So konnte ich wenigstens zum Weihnachtsessen meiner Klasse gehen. Meine Mama hat mich dann aber schon nach dem Essen und dem Geschenketausch abgeholt, weil es mir immer noch nicht wirklich gut ging. Ich habe als Geschenk einen sehr warmen und flauschigen Pulli bekommen, der typisch für hier ist. Ein weiterer Grund für meine frühe Abreise war, dass mein Counselour angerufen hatte, um Bescheid zu geben, dass am nächsten Tag um halb neun eine Aktion von Rotary stattfinden sollte. Zu seinem Glück hatte er meinen Papa am Telefon, der gelassen reagiert bei solchen spontanen Einladungen am Vorabend. Meine Mama und ich waren ziemlich sauer, da die ziemlich große Aktion schon seit Wochen geplant war und mein Counselour einfach verpennt hatte mir Bescheid zu sagen. Zum Glück ging es mir dann am Samstagmorgen schon wieder deutlich besser und mein Magen hatte sich beruhigt. Wir haben ebenfalls eine Schule besucht, die aber sehr abgelegen in den Bergen lag und Kinder im Alter zwischen 6 und 17 Jahren umfasste. Dazu erzähle ich aber mehr in einem separierten Eintrag, damit dieser hier nicht allzu lang wird.

 

Jetzt geht es mir wieder einigermaßen gut und meine Verdauung läuft wieder in gewohnten Bahnen. Von Mais Tortillas lasse ich aber in Zukunft glaube ich meine Finger, auch wenn sie lecker sind. Weihnachtsstimmung will bei mir noch nicht so wirklich aufkommen, auch wenn das Haus nun geschmückt ist. Mir fehlen nicht nur einige Süßigkeiten, wie Lebkuchen, sondern auch der typische Tannenduft im ganzen Haus. Mit der Plastiktanne kann ich mich noch nicht so wirklich anfreunden. Genauso wenig löst die in allen Farben blinkende Beleuchtung Weihnachtsstimmung in mir aus. Ich wünsche euch allen einen frohen dritten Advent!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0